Kostenfalle Diesel

An der Zapfsäule entscheidet sich jetzt die Zukunft

Text: Andrea Schneider-Kober | Foto (Header): © creativemariolorek – stock.adobe.com

Explodierende Spritpreise infolge des Irankrieges setzen private und kommunale Gebäudebetreuer massiv unter Druck. Die Branche ist mobil, aber vertraglich oft auf feste Pauschalen festgelegt. Wir wagten mit HMS-Profi Stefan Schütze einen Realitätscheck zum Thema und suchten nach Wegen aus der Kostenfalle.

Auszug aus:

2026-05

DER HAUSMEISTER
Praxis – Technik – Sicherheit – Recht
Ausgabe Mai 2026
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Wenn Stefan Schütze heute die Tankbelege seines Unternehmens ansieht, spricht er von einer „zweiten Lohnabrechnung“: „Vor ein paar Jahren waren die Spritkosten ein wichtiger, aber vergleichsweise stabiler Block. Jetzt bestimmen sie, ob ein Auftrag überhaupt noch Sinn ergibt.“

Schütze betreibt mit seinem Team von 130 Mitarbeitern einen erfolgreichen Hausmeisterservice in Oberteuringen am Bodensee, der Wohnanlagen und einige Gewerbeobjekte betreut. Das bedeutet: viele kurze Anfahrten, oft mit Werkzeug und Maschinen im Fahrzeug, plus saisonale Spitzen im Winterdienst und in der Grünpflege. Genau hier schlagen die gestiegenen Sprit- und Dieselpreise jetzt durch: „Wir hatten Jahre, in denen der Dieselpreis relativ verlässlich war. Man kalkulierte seine Touren, seine Pauschalen, und gut war’s“, erklärt er. „Heute kann sich der Literpreis innerhalb kürzester Zeit so verändern, dass eine einmal sauber kalkulierte Jahrespauschale über Nacht ein reines Verlustgeschäft wird.“

Monatlich 3.000 Euro mehr Spritkosten

Jeder seiner Transporter legt im Jahr 25.000 bis 35.000 km zurück. Seit der Dieselpreis von 1,50 Euro auf über 2,20 Euro stieg, bedeutet dies monatlich um die 3.000 Euro Mehrbelastung. „Wenn das so weitergeht, können daraus 36.000 bis 45.000 Euro Spritkosten im Jahr werden, und das Schlimme ist, man kann sie nicht weiter berechnen. Da waren unsere Erhöhungen zu Beginn 2026 nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Mindestlohn ist gestiegen und hat schon alles aufgefressen, dazu noch die Inflation – ich weiß bald nicht mehr, wie ich das noch bewerkstelligen soll“, fügt er hinzu.

Zur Fahrzeugflotte kommen Kleintraktoren für den Winterdienst, Aufsitzrasenmäher für größere Flächen, benzinbetriebene Geräte für Grünpflege – jede Arbeitsstunde im Außenbereich hat plötzlich einen anderen Preis. Diese Kosten landen aber nicht automatisch beim Auftraggeber. Viele Verträge sind als feste Jahrespauschalen angelegt. „Wenn der Vertrag einmal unterschrieben ist, können wir nicht einfach im November anrufen und sagen: Diesel ist teurer, wir wollen 10 Prozent mehr“, so Schütze. „Dann schlucken wir die Differenz – oder wir versuchen, sie bei der nächsten Ausschreibung zu berücksichtigen. Ich musste aber auch schon Objekte abgegeben, die wir seit 30 Jahren im Bestand haben. Der Preiskampf ist einfach zu groß geworden, und ich kann nicht mehr günstiger anbieten, wenn ich mein Unternehmen durch diese verrückten Zeiten manövrieren will.“

Ähnlich stellt sich die Lage in Städten und Gemeinden dar, auch wenn sie dort weniger sichtbar ist. Im Gespräch mit kommunalen Kollegen hört Schütze immer wieder dasselbe: „Die Bauhöfe fahren ihre Touren, die Hausmeister betreuen Schulen, Kitas, Verwaltungsgebäude. Der Diesel fließt, aber im Haushalt taucht das oft nur als ‚Betriebskosten Fahrzeuge‘ auf. Wenn die Preise explodieren, wird das Geld plötzlich an anderer Stelle knapp – meist bei Instandhaltung oder Neuinvestitionen.“ Kommunale Gebäudebetreuer können die Mehrkosten nicht über Preise auffangen. Stattdessen beginnt die Verwaltung, zu priorisieren: Welche Fahrten sind zwingend? Welche Arbeiten können gebündelt werden? „Plötzlich muss ein Hausmeister abwägen: Fahre ich heute wegen einer klemmenden Tür in die Schule oder kombiniere ich das mit der ohnehin geplanten Heizungswartung nächste Woche? Das mag in einzelnen Fällen sinnvoll sein, aber bei sicherheitsrelevanten Themen ist das ein Problem.“

Stefan Schütze ist seit 2023 alleiniger Geschäftsführer der Schütze GmbH & Co.KG in Oberteuringen am Bodensee. Der ausgebildete Landschaftsgärtner trat 2005 in das Familienunternehmen ein. Unter seiner Mitwirkung entwickelte sich der frühere Ein Mann-Betrieb zu einem Full-Service-Dienstleister mit heute rund 130 Mitarbeitenden. Schütze legt besonderen Wert auf Teamgeist, soziales Engagement und die Firmenphilosophie: „Arbeit muss Spaß machen.“ Er ist als beliebter Fachreferent für unsere Hausmeister-Lehrgänge tätig.

Die Kalkulation wird gesprengt

Wie relevant der Spritpreis inzwischen ist, zeigt sich direkt in der Angebotsphase. „Wenn ich für drei Jahre biete und im ersten Jahr der Diesel noch mal 30 Prozent teurer wird, stehe ich im Regen, wenn der Vertrag keine Anpassungsmöglichkeit vorsieht“, macht Schütze deutlich. Ein Hausmeisterdienst mit mehreren Fahrzeugen und hoher Kilometerleistung kann bei plötzlichen Preissprüngen schnell fünfstellige Mehrkosten pro Jahr verbuchen. „Das ist Geld, das uns an anderer Stelle fehlt. Bei der Anschaffung neuer Geräte, bei der Weiterqualifizierung der Mitarbeiter oder bei der Lohnentwicklung. Am Ende wirkt sich das auch auf die Qualität aus, wenn wir permanent alles aus dem Bestand ‚herausquetschen‘ müssen.“

Vor diesem Hintergrund beobachtet Schütze auch eine Verschiebung am Markt: „Manche Anbieter kalkulieren knapp, in der Hoffnung, dass alles stabil bleibt. Andere legen für das Risiko einen Puffer drauf und wirken dann im Angebot teurer. Auftraggeber sehen diese Unterschiede auf den ersten Blick, aber sie sehen nicht immer, woher sie kommen.“ Ähnlich sei es mit seinen Mitarbeitern: „Die stehen jetzt bei mir im Büro und rechnen mir anhand der Kilometer zwischen Arbeit und ihrem Zuhause vor, dass es sich eigentlich nicht mehr lohnt, zur Arbeit zu fahren. Ich verstehe meine Leute, aber keiner in Deutschland versteht die Situation der Betriebe, und diese ist katastrophal.“

Gibt es Wege aus der Kostenfalle?

Der sicherste Liter Sprit ist der, der gar nicht erst verbraucht wird. Entsprechend hoch hängt Schütze inzwischen das Thema Tourenplanung. „Wir haben unsere Routen komplett neu strukturiert“, berichtet er. „Objekte werden so gebündelt, dass wir möglichst wenige Leerfahrten haben.“

Auch mehr Digitalisierung hilft: Störmeldungen mit Fotos und kurzen Videos ermöglichen eine erste Einschätzung, ob ein sofortiger Einsatz nötig ist oder ob der Schaden beim nächsten regulären Termin mit erledigt werden kann.

Parallel investiert Schütze in energieärmere Technik. Eine massive Anschaffung von Akku-Geräten, zusätzlicher Ladeinfrastruktur und ersten E‑Fahrzeugen, sind für ihn kein „grünes Statement“, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung: „Mir kommt noch dieses Jahr eine Photovoltaik aufs Dach. Wenn ich Strom zumindest teilweise aus einer eigenen PV-Anlage am Firmensitz beziehen kann, entkopple ich mich ein Stück weit von geopolitischen Krisen. Das ist nicht die vollständige Lösung, aber ein Baustein.“

Den größten Hebel sieht er allerdings in den Verträgen: „Solange wir alles auf starre Pauschalen setzen, tragen Dienstleister das Energiepreisrisiko fast allein. Das ist auf Dauer nicht tragfähig und gefährdet die Existenz der gesamten Branche. Wir brauchen Modelle, die für beide Seiten fair sind. Wer nur auf den niedrigsten Preis schaut, riskiert langfristig, gar keinen Dienstleister mehr zu finden, der den Job zu diesen Bedingungen machen kann.“

SPRITPREISRISIKEN MANAGEN: DER 5-PUNKTE-CHECK

Priorität 1: Spritanteil am Auftrag erkennen

  • Wie viele Kilometer fallen pro Jahr voraussichtlich an (pro Fahrzeug/pro Objekt)?
  • Sind Anfahrten und Fahrzeiten im Angebot klar ausgewiesen oder in einer Pauschale „versteckt“?
  • Welche Technik dominiert: Diesel-Transporter, Kleintraktoren, benzinbetriebene Geräte, Akku- oder E-Fahrzeuge?

Hoher Fahr- und Maschineneinsatz = „spritkritischer“ Vertrag, braucht besondere Aufmerksamkeit.

Priorität 2: Vertragslaufzeit und Entgeltmodell prüfen

  • Laufzeit bis 1 Jahr: Risiko begrenzt, Anpassung bei Neuvergabe möglich
  • Laufzeit 2 – 5 Jahre: deutlich höheres Preisrisiko, ohne Mechanismus gefährlich
  • Entgelt: reine Pauschale vs. getrennte Positionen (Leistung, Anfahrt, Zusatzkilometer)
  • Klärungsfrage: „Was passiert, wenn Diesel/Benzin während derLaufzeit um 20 – 30 % steigt?“
  • Wenn die Antwort lautet: „Dann rutscht der Vertrag massiv in die Verlustzone“, ist der Entwurf nicht marktfest.

Priorität 3: Typische Alarmzeichen im Vertragsentwurf

  • lange Laufzeit + feste Pauschale + keine Anpassungs- oder Indexklausel
  • Viele, weit auseinanderliegende Objekte mit häufigen Anfahrten.
  • kurze Reaktionszeiten (Notdienst) ohne Regelung zu Zusatzfahrten
  • Klauseln wie „sämtliche Nebenund Fahrtkosten sind mit dem Pauschalentgelt abgegolten“

Treffen zwei oder mehr Punkte zu, ist das Spritpreisrisiko hoch.

Priorität 4: Konkrete Sicherungen einbauen Preisgleitung für Kraftstoff

  • Anteil der Spritkosten am Gesamtpreis (z. B. 5 – 15 %) definieren
  • klaren Index/Referenzwert (z. B. Kraftstoffpreisindex, Verbraucherpreisindex „Kraftstoffe“) festlegen
  • Schwelle (z. B. ±5 %) und Anpassungstermine (z. B. 1 – 2× jährlich) vereinbaren Mobilitätskosten transparent machen
  • Anfahrten/Fahrkosten separat ausweisen
  • Freikilometer + abgerechnete Zusatzkilometer definieren Härtefall-Regelung bei Extremsprüngen
  • ab z. B. +20 % Spritpreis in 3 Monaten: Pflicht zur Verhandlung über eine Anpassung
  • Scheitern die Verhandlungen: geregeltes Sonderkündigungsrecht

Priorität 5: Organisation und Technik als zweite Verteidigungslinie

  • Tourenplanung optimieren, Objekte bündeln, Leerfahrten minimieren
  • Störmeldungen mit Foto/Video prüfen – nur fahren, wenn wirklich nötig
  • Langfristig: mehr Akku-Geräte und geeignete E-Fahrzeuge einplanen, ggf. mit eigener PV-Ladeinfrastruktur

So sinkt der „verbrauchte Liter“ – und damit das Risiko, egal wie der Vertrag aussieht.

Priorität 6: Letzter Check vor Unterschrift

  • Ist klar, wie stark der Vertrag vom Spritpreis abhängt?
  • Gibt es eine nachvollziehbare, schriftliche Regel zu Energiepreisänderungen?
  • Sind Index, Schwellenwerte, Anpassungsrhythmus und Nachweis sauber definiert?
  • Wurde die Klausel rechtlich geprüft (insbesondere bei langen Laufzeiten/öffentlichen Auftraggebern)?

 

Nur wenn diese Fragen überwiegend mit „Ja“ beantwortet werden, ist das Spritpreisrisiko im Vertrag aktiv gemanagt – und nicht dem Zufall überlassen.

Die Autorin

ANDREA SCHNEIDER-KOBER ist seit 2022 beim Forum Verlag. Die
ehemals freie Redakteurin und Autorin mit Social Media-Affinität betreut
nun alle Hausmeister-Themen: vom regelmäßigen Erscheinen dieser
Fachzeitschrift bis zur Planung unserer Weiterbildungen.

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